Über allgemeine Kommunikationsverluste
Rächt sich die neue Schreibung?
- Glosse von Karina Eggers -

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich gen Himmel schaue und ein Flammenmeer erhoffe, das mich die Sprache meiner Mitmenschen endlich wieder verstehen lässt – und zwar in Wort UND Schrift.

Da nennen wir uns stolz hochzivilisierte Gesellschaft, doch jedes Volk jeglichen Stammes steckt uns in Sachen „zwischenmenschliche Kommunikation“ locker in die Tasche und versteht sich besser als der deutsche Mann seine eigene Frau. „Kunststück“, werden Sie nun schmunzelnd sagen. Doch ich meine es ernst – die Kommunikationslage IST ernst.

Was ist passiert? Und wie ist es soweit gekommen? Oder war es womöglich schon immer so, dass Sprache nur scheinbar als Medium der Verständigung gilt? Vielleicht haben wir einfach in der Hektik der Zeit verlernt, uns verständlich auszudrücken. Eventuell hören wir aber auch einfach nicht richtig zu, atmen erleichtert auf und schalten fröhlich ab, sobald deutlich wird, dass wir den Inhalt des Gesagten ohnehin nicht mehr verstehen werden.

Kommunikation um der Kommunikation Willen? Die allgemeine Erwartungshaltung ist hoch, nicht nur bei Politikern, Fernsehmoderatoren oder Unternehmenssprechern. Betrachten wir unseren beruflichen Alltag. Hier schauen uns jeden Tag zahlreiche fragende Augen an und erwarten eine Antwort auf Fragen, die uns ebenfalls auf den ersten Blick schwierig zu beantworten scheinen. Doch anstatt eine Denkpause zu nehmen, wird einfach drauf los geplaudert. In verschachtelten Sätzen, gespickt mit einem Fremdwörter-Anteil von mindestens 60% (so scheint es in irgendeinem Fachbuch vorgegeben zu sein, nichts erklärte sonst diesen sich überall durchziehenden hohen Prozentsatz ...), reden wir uns aus der Affäre und hinterlassen neben den fragenden Blicken zusätzlich irritiertes Stirnrunzeln. Schnell, laut und ausführlich, so lautet die Devise. Offensichtlich verwechseln wir dabei schnell mit kompetent, laut mit wichtig und ausführlich mit verständlich. Wie wäre es, unser Gegenüber mal nicht an die Wand zu reden und daraufhin mit einer Motivationssteigerung beglückt zu werden?! Wie schön wäre es, nach Subjekt / Prädikat / Objekt einfach mal wieder ohne Skrupel einen Punkt zu setzen – Punkt. Einfach mal überhaupt nichts zu sagen zu haben, gilt im Übrigen scheinbar als absolutes Tabu.

Doch allgemeine Kommunikationsverluste sind nicht nur in der wörtlichen Rede festzustellen. Das, was schon im Kopf als inhaltsleere Vorlage geordnet wird, findet in der geschriebenen Form erst die richtige Entfaltung. Schwarz auf weiß, aber deswegen nicht besser durchdacht oder verständlicher kommuniziert, zittert scheinbar die Schrift vor den eigenen Augen, als würde sie sich köstlich über ihre eigene Form und die daraus resultierenden Inhalte amüsieren. Warum denn bloß immer so verschlüsselt? Vielleicht, um mögliche, aufgrund der undurchsichtigen Rechtschreibreform unter Garantie auftauchende Fehler zu kaschieren. Apropos: ... greift sie nun? Oder doch nicht? Oder nie? Oder vielleicht doch? So wie ein umfangreicher Redeschwall die Chance in sich birgt, wunderbar das persönliche Unwissen zu verbergen, könnten auch verschachtelte Sätze, Fremdwörter-Ladungen, inhaltsleere Wörter-Ketten und Rechtschreibfehler das Verständnis des Lesers besonders verwirren. So sehr, dass er letztlich vom scheinbaren Wissen des Autors erschlagen wird und am Ergebnis seines letzten Intelligenztests zweifelt. Das Unverständnis MUSS an ihm liegen! Da rächt sich die Schreibreform – zumindest für den Leser. Und der Schreiberling freut sich und profitiert auf ganzer Linie.

Naja, auf ganzer Linie? Sollte sich der Sender irgendwann an seinen Empfänger und den ursprünglichen Sinn seiner Mitteilung erinnern, wechselt er mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf die Verlierer-Seite. Hier stehen nämlich schon die Verständnislosen, die jeglichen Sinn von Sprache nicht mehr erkennen können und sich mit allgemeinem Gemurmel aus der Affäre ziehen. Fazit: Wir stecken mitten drin im Dilemma. Dabei ist es letztlich egal, ob wir unsere Stimme bemühen oder unsere Rechtschreibung vielleicht irgendwann in ein verständliches und nachvollziehbares Regelwerk gießen. Solange der eigentliche Zweck unserer Sprache nicht in die Köpfe unserer interessanten sogenannten „Kommunikationsgesellschaft“ zurückkehrt, können wir nur auf eine Wiederholung der biblischen Pfingsten-Geschichte hoffen (siehe Anfang des Textes …).

In diesem Sinne
Ihre Karina Eggers

P.S.: Dass man bei Verfolgung der seit Jahren andauernden Diskussion über die neue Rechtschreibreform nicht nur Angst bekommt, dass alle Ausländer die Deutschen für mehr als merkwürdige Geschöpfe halten, sondern auch vorsichtshalber lieber gar nichts mehr schriftlich verfasst, ist eine Randerscheinung, die in der Gesamtbetrachtung zu vernachlässigen ist.

Und noch ein P.S.: Bitte sehen Sie mir eventuelle Rechtschreibfehler nach – ich bin verwirrt, Entschuldigung!


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