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Ach du Schreck – es ist etwas passiert! Die Fußball-Weltmeisterschaft
ist vorbei.
War nicht grad noch alles ganz anders? Hatten wir jemals so viel Zeit?!
Warum blättere ich gedankenverloren im Katalog der örtlichen
Volkshochschule und wundere mich über die fühlbare Stille um
mich herum? Wo sind all meine Mitmenschen hin? Und vor allem: Wen sollen
wir denn jetzt angstfrei, nachvollziehbar und völlig hemmungslos
mit voller Lunge und ohne Konsequenzen für das leibliche Wohl anschreien,
wenn es beim Public Viewing plötzlich keinen Gegner einer ganzen
Nation mehr gibt? Meine Güte, wie ENTSPANNEND das war! Dagegen ist
Yoga ein Witz!
Tja,
die Fußball-Weltmeisterschaft ist wohl
oder übel zu Ende und hat ein tiefes Loch
gerissen. Von wegen „vor dem Spiel ist
nach dem Spiel“ ...
Wissen Sie noch? Ach, wie war das doch schön: Fast jeden Abend trafen
sich mehr als zwei lustige Menschen in Nachbars Garage oder mitten auf
der Straße, um einträchtig mit ein und der selben Zielvorstellung
auf harten Bierbänken und einer Fahne in der Hand eine Mannschaft
fiebernd zum Sieg zu schwenken. Mindestens 90 Minuten sahen wir 22 Kerlen – meist
ziemlich ansehnlich! – und einem Ball hinterher und begleiteten
sie mit Gesang, Tröten und vor allem hysterischem Geschrei bei den
Spielen ihres Lebens. Vorher wurde aufrecht und befreit lauthals die
deutsche Nationalhymne gesungen, und drei bunte Streifen gehörten
zum Pflicht-Make-Up einer jeden Fan-Wange. Wer es ganz bunt trieb, schlang
sich noch eine schwarz-rot-goldene Deutschland-Flagge um den Rumpf oder
setzte sich einen in der Natur eher selten gesehenen Hahnenkamm in Nationalfarben
auf das schüttere Haar. Wichtige Utensilien, um sich dem Vaterland
und den tapferen Kämpfern auf dem grünen Feld gleich noch ein
bisschen näher zu fühlen. Ja, ja, lange ist es her, dass wohlgesinnte
Menschen deutscher Nationalität sich dermaßen befreit zu ihrem
Land bekannten und dafür nicht einmal despektierliche, vielleicht
gerade mal positiv überraschte Blicke ernteten. Denn einer holte
die Rechtfertigung dafür – unfassbar – direkt ins Land:
Der Kaiser höchstpersönlich! Franzl hat die Fußball-Weltmeisterschaft
nach Deutschland geholt und damit die Wende in Deutschland eingeleitet,
da bin ich mir sicher (nix da, Wende = Kohl!). Aber, hallo Herr Kaiser,
was kommt nun?! Wie sollen wir unerwartet aufgekeimte Nächstenliebe
zum Fremden an meiner Seite – lediglich vom jeweiligen Platz vor
der Leinwand gesteuert – weiter wachsen lassen? Ich sag Ihnen was:
Sowohl das vergnügliche Nachbarschafts-Grillen als auch das liebkosende
Miteinander auf der Fan-Meile werden ohne Randbemerkungen von Delling
und Netzer zur echten Herausforderung!
Naja, ein wenig kann man das Fußball-Highlight ja noch am Leben
erhalten. Während die einen die besten WM-Szenen vorausschauend
auf Video aufgenommen haben und nun bis zum Letzten das Band ableiern,
während sie die restlichen Würstchen weggrillen, diskutieren
die anderen, ob es nicht doch besser gewesen wäre, die WM in Neuseeland
durchzuführen: Die haben viel Platz und mehr Schafe als Menschen – da
kann Nationalstolz in der Menge gar nicht erst entstehen und somit auch
keine gefährlichen Nachwirkungen mit sich bringen. Natürlich
ist vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte immer der Blick
auf die Geisteskranken der Vergangenheit und Gegenwart zu richten, aber
hier handelt es sich schließlich um Fans einer Mannschaft und eines
Landes und um ein befreites, lockeres, fröhliches und längst überfälliges
Miteinander, über das wir uns freuen sollten. Endlich, der Knoten
ist geplatzt und wir zeigen uns, wie wir wirklich sind: freundlich und
offen, fröhlich und ausgelassen.
Danke, liebe Herren der Fußballwelt: Das tat unserem Land sehr
gut und bestätigt, dass Fußball verbindet und Menschen bewegt – auch über
die Grenzen hinaus!
In diesem Sinne: Anpfiff für die nächste Ära!
Ihre optimistische

P.S.: Ach ja, Bruno, der braune Bär aus Österreich ist übrigens
auch keine Gefahr mehr, aber das nur am Rande ...
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