Und plötzlich ist nichts mehr so wie es war
Nachwirkungen eines einzigartigen Events
- Glosse von Karina Eggers -

Ach du Schreck – es ist etwas passiert! Die Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei.

War nicht grad noch alles ganz anders? Hatten wir jemals so viel Zeit?! Warum blättere ich gedankenverloren im Katalog der örtlichen Volkshochschule und wundere mich über die fühlbare Stille um mich herum? Wo sind all meine Mitmenschen hin? Und vor allem: Wen sollen wir denn jetzt angstfrei, nachvollziehbar und völlig hemmungslos mit voller Lunge und ohne Konsequenzen für das leibliche Wohl anschreien, wenn es beim Public Viewing plötzlich keinen Gegner einer ganzen Nation mehr gibt? Meine Güte, wie ENTSPANNEND das war! Dagegen ist Yoga ein Witz!

Tja, die Fußball-Weltmeisterschaft ist wohl oder übel zu Ende und hat ein tiefes Loch gerissen. Von wegen „vor dem Spiel ist nach dem Spiel“ ...

Wissen Sie noch? Ach, wie war das doch schön: Fast jeden Abend trafen sich mehr als zwei lustige Menschen in Nachbars Garage oder mitten auf der Straße, um einträchtig mit ein und der selben Zielvorstellung auf harten Bierbänken und einer Fahne in der Hand eine Mannschaft fiebernd zum Sieg zu schwenken. Mindestens 90 Minuten sahen wir 22 Kerlen – meist ziemlich ansehnlich! – und einem Ball hinterher und begleiteten sie mit Gesang, Tröten und vor allem hysterischem Geschrei bei den Spielen ihres Lebens. Vorher wurde aufrecht und befreit lauthals die deutsche Nationalhymne gesungen, und drei bunte Streifen gehörten zum Pflicht-Make-Up einer jeden Fan-Wange. Wer es ganz bunt trieb, schlang sich noch eine schwarz-rot-goldene Deutschland-Flagge um den Rumpf oder setzte sich einen in der Natur eher selten gesehenen Hahnenkamm in Nationalfarben auf das schüttere Haar. Wichtige Utensilien, um sich dem Vaterland und den tapferen Kämpfern auf dem grünen Feld gleich noch ein bisschen näher zu fühlen. Ja, ja, lange ist es her, dass wohlgesinnte Menschen deutscher Nationalität sich dermaßen befreit zu ihrem Land bekannten und dafür nicht einmal despektierliche, vielleicht gerade mal positiv überraschte Blicke ernteten. Denn einer holte die Rechtfertigung dafür – unfassbar – direkt ins Land: Der Kaiser höchstpersönlich! Franzl hat die Fußball-Weltmeisterschaft nach Deutschland geholt und damit die Wende in Deutschland eingeleitet, da bin ich mir sicher (nix da, Wende = Kohl!). Aber, hallo Herr Kaiser, was kommt nun?! Wie sollen wir unerwartet aufgekeimte Nächstenliebe zum Fremden an meiner Seite – lediglich vom jeweiligen Platz vor der Leinwand gesteuert – weiter wachsen lassen? Ich sag Ihnen was: Sowohl das vergnügliche Nachbarschafts-Grillen als auch das liebkosende Miteinander auf der Fan-Meile werden ohne Randbemerkungen von Delling und Netzer zur echten Herausforderung!

Naja, ein wenig kann man das Fußball-Highlight ja noch am Leben erhalten. Während die einen die besten WM-Szenen vorausschauend auf Video aufgenommen haben und nun bis zum Letzten das Band ableiern, während sie die restlichen Würstchen weggrillen, diskutieren die anderen, ob es nicht doch besser gewesen wäre, die WM in Neuseeland durchzuführen: Die haben viel Platz und mehr Schafe als Menschen – da kann Nationalstolz in der Menge gar nicht erst entstehen und somit auch keine gefährlichen Nachwirkungen mit sich bringen. Natürlich ist vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte immer der Blick auf die Geisteskranken der Vergangenheit und Gegenwart zu richten, aber hier handelt es sich schließlich um Fans einer Mannschaft und eines Landes und um ein befreites, lockeres, fröhliches und längst überfälliges Miteinander, über das wir uns freuen sollten. Endlich, der Knoten ist geplatzt und wir zeigen uns, wie wir wirklich sind: freundlich und offen, fröhlich und ausgelassen.

Danke, liebe Herren der Fußballwelt: Das tat unserem Land sehr gut und bestätigt, dass Fußball verbindet und Menschen bewegt – auch über die Grenzen hinaus!

In diesem Sinne: Anpfiff für die nächste Ära!

Ihre optimistische


P.S.: Ach ja, Bruno, der braune Bär aus Österreich ist übrigens auch keine Gefahr mehr, aber das nur am Rande ...


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